Wie die Physik der Wirtschaft zu schaffen macht
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Für die meisten Menschen wird das Leben spürbar immer teurer. Mieten, Sozialabgaben und Lebensmittelausgaben sind für viele in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Gleichzeitig wird die politische Situation in Deutschland immer instabiler.
Nachdem die letzte Bundesregierung vorzeitige Neuwahlen anberaumen musste, weil sie keine Einigung darüber erzielen konnte, wie sie die Gelder des Staates einsetzen möchte, steht die neue Regierung nach gerade einmal einem halben Jahr im Amt dieser Tage schon vor einer ähnlichen Situation und droht an der Haushaltsplanung zu zerbrechen.
Wirtschaftliche Knappheit breitet sich aus und führt zunehmend zu persönlichen und gesellschaftlichen Problemen. Um diese Entwicklung umzukehren, ist es wichtig, ihren Ursprung zu verstehen. Das führt uns zunächst auf ein vielleicht unerwartetes Gebiet: ins Herz der Physik.
Energie und Wirtschaft – Zwei Seiten einer Medaille
Wann immer wir wirtschaften, verändern wir irgendetwas entsprechend einem Ziel. Wir beeinflussen unsere Umwelt auf eine Weise, die für uns oder unsere Mitmenschen einen Wert hat. Wirtschaften geht immer mit einer Transformation oder Veränderung einher.
Das klingt sehr abstrakt, ist aber der kleinste gemeinsame Nenner, der gleichermaßen für alle wirtschaftlichen Aktivitäten gilt:
Vom Bergbau, bei dem tiefe Minen gegraben werden und damit die Erde verändert wird,
über Dienstleistungen wie Sicherheitsdienste, die bestimmte Bereiche verändern, indem sie Aktivitäten überwachen und notfalls einschreiten,
bis hin zur Psychotherapie, die die Denkmuster und das Befinden ihrer Patienten zu verändern versucht, um deren Lebensqualität zu steigern.
Arbeiten bedeutet, die Welt zielgerichtet zu verändern, um einen Wert zu erschaffen.
In der Physik ist der Menschheit etwas Erstaunliches gelungen. Durch das Konzept der Energie hat sie so etwas Abstraktes wie Veränderung messbar und vergleichbar gemacht. Durch die Messung von Energie können wir Fragen beantworten wie etwa: “Findet mehr Veränderung in der Welt statt, wenn ein Auto mit 30 km/h durch die Stadt fährt, oder wenn 5 Liter Wasser bei 100 Grad kochen?”
Das Auto verändert die Welt stärker, je schneller es fährt. Stellen wir uns vor, wir sitzen in einem Auto, das mit 30 km/h fährt, und machen schnell hintereinander zwei Fotos mit unserem Handy zur Seite hinaus. Beide Fotos werden sich etwas voneinander unterscheiden. Machen wir dasselbe Experiment bei 100 km/h, dann werden sich das erste und zweite Foto jedoch wesentlich stärker voneinander unterscheiden als die beiden Fotos, die wir bei 30 km/h gemacht haben.
Das schnellere Auto verändert die Welt stärker als das langsamere und hat daher eine höhere Energie. Ähnliches würde man auch feststellen, wenn man jeweils nach einer Stunde auf die Benzinanzeige schaut. Das schnellere Auto wird mehr Benzin aus dem Tank verbrauchen als das langsamere. Auch hier verändert das schnellere Auto die Welt stärker.
Wenn Wasser kocht, verändert sich die Welt ebenfalls. Wasserdampf steigt auf und verteilt sich im Raum, auch die Umgebungstemperatur steigt. Blasen steigen auf und es brodelt. Auf kleinster Ebene bewegen sich die Atome und Moleküle im Wasser stark und chaotisch hin und her. Wenn wir es berühren, verbrennen wir uns. Kaltes Wasser ist vergleichsweise ruhig und langweilig. Berechnen wir die Energie von kaltem und kochendem Wasser, so hat kochendes Wasser wenig überraschend eine viel höhere Energie.
Das Wundersame an Energie ist, dass sie uns erlaubt, die Veränderung selbst zu messen und zu vergleichen – unabhängig davon, welches Phänomen man genau betrachtet. Um die Frage “Findet mehr Veränderung in der Welt statt, wenn ein Auto mit 30 km/h durch die Stadt fährt, oder wenn 5 Liter Wasser bei 100 Grad kochen?” zu beantworten, müssen wir nur die Energie beider Situationen berechnen und vergleichen.
Die überraschende Antwort für ein durchschnittliches, 1500 kg schweres Auto lautet: Das kochende Wasser enthält etwa 32-mal mehr Energie als das fahrende Auto. Das Auto müsste etwa 170 km/h fahren, um die gleiche Menge an Energie wie das kochende Wasser zu enthalten. Da ist also ganz schön was los im Topf!
Der Pro-Kopf-Energieverbrauch zeigt: Deutschland wird ärmer
Mit diesem Verständnis von Energie und Veränderung können wir uns nun unserer eigentlichen Frage zuwenden: Woher kommt die neuerliche Knappheit in Deutschland?
Was immer wir Menschen verbrauchen – zum Beispiel die Nahrung, die wir zu uns nehmen, die Transportmöglichkeiten, die wir nutzen, oder der Strom, der unsere elektrischen Geräte betreibt –, erfordert, dass die Welt zuvor aus ihrem unorganisierten Grundzustand so verändert wurde, dass uns die eben genannten Wirtschaftsgüter zur Verfügung stehen.
Vereinfacht bedeutet das: Die Welt muss verändert werden. Aber Veränderung kennen wir doch? Genau, Energie zeigt uns, wie viel Veränderung stattfindet! Ein Angebot an Wirtschaftsgütern zu erschaffen, erfordert also grundlegend erst einmal Energie.
Je mehr Energie wir in Deutschland verbrauchen, desto mehr verändern wir unsere Umwelt entsprechend unseren Wünschen. Dadurch erzeugen wir Wert. Je mehr Energie wir verbrauchen, desto größer ist auch das Angebot, das uns zur Verfügung steht, weil wir größere Teile der Welt verändert oder transformiert haben.
Einfach betrachtet bedeutet ein höherer Energieeinsatz also ein größeres – und damit günstigeres – Angebot an wirtschaftlichen Gütern.
Das ist jedoch noch nicht die ganze Geschichte. Ein Haus, in dem 3 Menschen leben, braucht sehr wahrscheinlich weniger Energie als ein Haus, in dem 30 Menschen leben. Um zu ermitteln, wie viel Energie (und damit Veränderung und Angebot) eine Volkswirtschaft für jeden Einwohner bereitstellt, müssen wir uns den Energieverbrauch pro Kopf anschauen.
Diesen zeigt das folgende Schaubild für die Jahre von 1990 bis einschließlich 2023:

Wir sehen: Der Pro-Kopf-Energieverbrauch ist in Deutschland seit dem Jahr 2010 deutlich gefallen, und zwar um rund 16 % von 32.000 kWh pro Einwohner auf etwa 26.500 kWh pro Einwohner.
Vorsichtig können wir damit folgende Aussage formulieren: In Deutschland wird pro Kopf immer weniger Energie aufgewendet. Pro Person findet weniger und weniger zielgerichtete Veränderung der Welt statt. Damit steht jedem Einwohner Deutschlands jedes Jahr weniger Wert zur Verfügung. Man kann auch sagen: In Deutschland wird pro Person jedes Jahr weniger Wert geschaffen – wobei in diesem Kontext “Wert geschaffen” auch bedeutet, dass jemand beispielsweise seine Wohnung heizt.
Wir sehen also: Gemessen am Pro-Kopf-Energieverbrauch steht jedem Einwohner Deutschlands durchschnittlich tatsächlich 16 % weniger “veränderte Welt” (also Güter) zur Verfügung als vor 15 Jahren. Verteilungskämpfe sowie finanzielle Schwierigkeiten sind hier eine logische Folge, da Geld und Finanzen reelle Werte abbilden und deren Verteilung organisieren.
Mehr Energie braucht das Land
Derzeit sieht es so aus, als würde sich die Situation erst verschärfen, bevor sie besser wird. Zu lösen sein werden die Verteilungsprobleme – zumindest aus rein materialistisch-wirtschaftlicher Sicht – nur durch eine Erhöhung des Pro-Kopf-Energieverbrauchs.
An dieser Stelle wird das Problem international. Deutschland verfügt über geringe Ressourcen und ist auf Importe angewiesen. In China, der wirtschaftlich aktivsten und sich am schnellsten entwickelnden Volkswirtschaft unserer Zeit, liegt der Pro-Kopf-Energieverbrauch nun beinahe auf dem gleichen Niveau wie in Deutschland. China hat nach offiziellen Statistiken jedoch etwa 15-mal mehr Einwohner als Deutschland. China erzeugt enorme Veränderung sowie materielle Werte für die ganze Welt und ist selbst hochgradig abhängig von Energieimporten. Deutschland und China konkurrieren in dieser Hinsicht um knappe Ressourcen.
Gerne würde ich an dieser Stelle genauer auf die unterliegenden Dynamiken eingehen, doch das bleibt für ein andermal.
Um seine wirtschaftlichen Probleme zu lösen, braucht Deutschland vor allem eine stabile, günstige und unabhängige Energieversorgung. Ein wichtiger Beitrag auf diesem Weg wäre Atomkraft.
Der radioaktive Abfall, den der gesamte Energieverbrauch eines kompletten Menschenlebens erzeugt, passt in weniger als eine Coladose. Ja, radioaktiver Müll ist ein Problem, ebenso wie Unfallrisiken. Neue Technologien können diese Probleme jedoch deutlich begrenzen oder teilweise sogar komplett beseitigen.
Deutschland und Europa verfügen über wenig Erdgas und Erdöl, jedoch über große Vorkommen an Uran, zum Beispiel in Finnland und Schweden.
Ohne Kernkraft wird es aus meiner Sicht sehr schwer, den deutschen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, und die damit einhergehenden Verteilungskonflikte werden uns wohl noch lange begleiten.
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