Wie mir der alltägliche Sexismus bewusst wurde

Von Dominik Laur| 06.05.2019

Polina, Herr Ehrlich und ich standen vor dem Versuchsaufbau. “Zuerst sprechen wir mal darüber, was wir heute eigentlich machen.” sagte Herr Ehrlich mit Blick zu mir.Wie für Versuchsbetreuer üblich wollte er überprüfen, ob wir gut auf unser Laborpraktikum vorbereitet waren.

Erschienen wir unvorbereitet zu den Praktikumsversuchen, so durften wir die Versuche nicht absolvieren. Dann mussten wir uns bemühen, die Leistungspunkte für unser Studium bis Ende des Semesters anders zu ergattern.

 

Polina war weitaus besser vorbereitet als ich. Daher hoffte ich darauf, dass Herr Ehrlichs Blick zu ihr wandern würde, wenn ich nur lange genug schwieg. Leider hoffte ich vergebens.

In mir stieg eine Mischung aus Angst und Wut auf. Wieso musste er so streng sein? Und was, wenn ich das jetzt verbocke? Ich bemühte mich, diese Gefühle beiseite zu schieben und begann, das Bisschen zu erzählen, was ich über den Versuch wusste.

Leicht verwundert und sehr erleichtert nahm ich wahr, wie Herr Ehrlich begann, zustimmend zu nicken. Nach meinen Ausführungen stellte er mir noch ein oder zwei Fragen, die ich glücklicherweise beantworten konnte. Dann erlöste er mich mit den Worten: “Dann legen wir mal los.”

Nun folgten wie üblich einige praktische Hinweise des Versuchsbetreuers zur Versuchsdurchführung. Während wir uns am Versuchstisch aufgestellt hatten, stand Polina links von Herrn Ehrlich und ich rechts von ihm.

Und wieder ging sein Blick zu mir. “So Herr Laur, mit diesen Linsen müssen sie ziemlich vorsichtig sein,” sagte Herr Ehrlich während er auf den Versuchstisch deutete. “Die verkratzen leicht oder bekommen einen Sprung. Wenn sie Probleme haben, die Halterung zu öffnen, rufen sie mich lieber.” 

Bis zu diesem Punkt hatte Herr Ehrlich, abgesehen von der Begrüßung, keine erkennbaren Zeichen gezeigt, dass er die Anwesenheit von Polina wirklich wahrnahm. Und auch die restlichen Erklärungen zu dem Versuch musste Polina von einem zugewandten Hinterkopf aufnehmen.

Diese ganze Episode dauerte vielleicht eine Stunde. Dann ging Herr Ehrlich und wir begannen mit unserem Versuch. 

“Hab ich mir das eingebildet oder hat er dich ignoriert?” fragte ich Polina – noch etwas irritiert von Herr Ehrlichs Verhalten. Schmunzelnd setzte sie ihre Schutzbrille ab und antwortete: “Nein. Wahrscheinlich hält er mich für ne Barbiepuppe oder so. So was kommt schon mal vor. War auch hier im Praktikum nicht das erste mal, bei ihm wars aber echt  ausgeprägt.”

Während mich das Verhalten unseres Betreuers wirklich aufgebracht hat, blieb Polina recht entspannt. Es war für sie wohl keine Seltenheit, wegen ihres Geschlechtes ungerecht behandelt zu werden.

Ich wusste über die Statistiken zur Ungleichbehandlung zwischen Mann und Frau. Über die Lohnungleichheit und die schlechteren Aufstiegschancen. Auch war mir die sexualisierte Darstellung von Frauen in der Werbung und den Medien generell bewusst. 

Von dieser subtilen, alltäglichen Dimension des Sexismus hatte ich bis dahin aber noch keine Ahnung. Durch diese Erfahrung lernte ich, wie tief sexistische Denk- und Handlungsweisen bei vielen Menschen verankert sind.

Ich verstand, dass viele Frauen beinahe täglich unter Situationen leiden, in denen sie ungerecht behandelt werden. Das schränkt die Möglichkeit zu Selbstverwirklichung der Betroffenen ein und behindert den gesellschaftlichen Fortschritt, weil viele Fähigkeiten und Talente ungenutzt bleiben.

Deshalb verfolgen wir ein ganzheitliches Programm zur Stärkung von Mädchen und Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen. So kann es gelingen, dass kein Mädchen und keine Frau mehr durch sexistisches Verhalten in ihrer persönlichen Entwicklung eingeschränkt wird.

Was die Leistungspunkte für unseren Versuch angeht: Die haben wir bekommen. Und zwar nicht zuletzt durch den Fleiss und das Wissen meiner Laborpartnerin. 

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